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Corona in der Kölner Wohnungslosenhilfe

Pandemie am untersten Rand der Gesellschaft

Köln, 11.09.2021 In der Zeit vor der Pandemie gab es viele Orte, an denen Besucherinnen und Besucher der Kontakt- und Beratungsstellen, Notschlafstellen und anderen niedrigschwelligen Angeboten für Wohnungslose und Drogenabhängige in Köln zusammenkamen. Orte, an denen
vertraute Gesichter vorgefunden wurden, wo es Menschen gab, die zuhören und beraten konnten und an denen es immer sicher eine Mahlzeit und etwas Warmes zu trinken gab.
Die Pandemie trifft die Menschen, die bereits am Rand der Gesellschaft stehen mit besonderer Wucht.
Doch im März 2020 verändert sich alles. Die Corona Pandemie erreicht Deutschland. Das Land schließt sich ein und manche aus. So auch in der Wohnungslosenhilfe. Denn wo soll man hin, wenn es kein Zuhause gibt, um Zuhause zu bleiben? Immerhin gibt es die Möglichkeit, die Räumlichkeiten der Anlaufstellen zum Postabholen, Telefonieren, zur Beratung, zum Duschen oder Toilettengang – sowie zur Nutzung des Drogenkonsumraums unter Einhaltung der Hygienevorschriften – zu betreten.
Aufgrund weiterer Einschränkungen müssen dann jedoch für die Versorgung der stark anwachsenden Zahl von bedürftigen Menschen sehr schnell alternative und ergänzende Lösungen gefunden werden. Die allermeisten Angebote werden nach draußen verlagert. In den Kontakt- und
Beratungsstellenstellen des SKM und SkF versucht man, das Angebot für Wohnungslose und Drogenabhängige so gut wie möglich fortzuführen. In den SKM Einrichtungen am Hauptbahnhof gelingt das in enger Abstimmung. Es wird sogar eine Erweiterung des Angebotes möglich gemacht.
Die Tagesöffnungszeiten werden ausgebaut, auch an den Wochenenden sind die Angebote zusätzlich und umfänglich geöffnet. Der mobile medizinische Dienst des Gesundheitsamtes ist weiterhin zu den gewohnten Zeiten vor Ort.
Zusätzliche Hilfen im Freien
In einem gewaltigen Kraftakt wird in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt der Stadt Köln und anderen Trägern wie dem SkF Köln über Monate, bei zumeist schönem Wetter, im Freien zusätzliche Hilfe angeboten. Die Essenausgabe erfolgt in Form von Lunch-Paketen – täglich werden bis Ende Juni
2020 über 450 Tagesessensportionen von Porz über Kalk, am Hauptbahnhof und in Ehrenfeld verteilt. Zusätzlich wird auf dem Bahnhofsvorplatz ein Sanitärmobil zur Verfügung gestellt, betreut von Ehrenamtlichen des SkF, der Bahnhofsmission und des SKM Köln. Die Menschen auf der Straße
leiden neben der mangelnden Versorgung mit dem Nötigsten (auch die meisten Tafeln mussten ihre Angebote einschränken oder schließen) vor allem unter Einsamkeit und Isolation. Und was macht die Diskussion über eine Ausgangssperre mit jenen, die nur und immer Ausgang haben, weil ihnen das
Zuhause fehlt? Sie haben Angst, dass sie dann ganz verloren sind. So ergeben sich während der Angebotszeiten vor Ort wichtige Gespräche, psychosoziale Versorgung der Bedürftigsten in Pandemiezeiten auf der Straße. Persönliche Ansprechpersonen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stehen nun fast jederzeit außerhalb der Einrichtungen zur Verfügung. Sie beraten und informieren vor allem über mögliche Hilfen (viele Ämter sind geschlossen) und versorgen die Besucherinnen und Besucher mit Antworten zu den wichtigsten Fragen rund um Corona und wie man sich vor Infektionen schützt.
Wärmezelte für den Winter

Doch der Sommer währt nicht ewig. Trotz schöner Herbsttage bereiten sich die Mitarbeitenden gemeinsam mit der Stadt Köln auf die mögliche zweite Corona-Welle und den zwangsläufig nahenden Winter vor: Zusätzlich zu den Einrichtungen am Hauptbahnhof wird im Hof des Generalvikariates ein
weiteres, beheiztes Zelt aufgestellt, um das dringend nötige Abstandsgebot einhalten zu können. Am Bürgerhaus Stollwerck wird kurz vor Weihnachten binnen weniger Tage ein Wärmezelt in Betrieb gesetzt, mit täglicher Essensversorgung und Betreuung. Zelt und Toilettenanlagen müssen
organisiert, Mitarbeitende ausgesucht und zu Diensten eingeteilt, die Versorgung mit täglich warmem Essen sichergestellt werden. In der kalten Zeit muss zwei Mal in der Woche neues Heizöl nachgefüllt werden.

Zusätzlich gelingt es der Stadt Köln in Zusammenarbeit mit den Trägern der Wohnungslosenhilfe, für die schutzbedürftigen Menschen zusätzliche Übernachtungsangebote im Regelangebot bzw. im Rahmen der jährlichen Winterhilfe 2020/2021 zu schaffen. Um die Attraktivität der geschaffenen
Hilfeangebote zu erhöhen wird darauf geachtet, dass diese Angebote über kurze Wege erreichbar sind. So liegen viele Angebote von Kontakt- und Beratungsstellen, Tagesaufenthaltsmöglichkeiten und Notschlafstellen in der Nähe des zentralen Anlaufpunktes rund um den Kölner Hauptbahnhof.
Zusätzlicher Raum für die Winterhilfe mit angeschlossenem Tagesaufenthalt
Die Winterhilfe startet jedes Jahr im November mit rund hundert Plätzen in Einrichtungen des SKM Köln. Aufgrund des Abstandsgebots müssen die Flächen nun erweitert werden. Den Mitarbeitenden des Sozialamtes gelingt es, für die Wintermonate eine Immobilie in Merheim aufzutun. Auch hier:
Binnen weniger Tage werden Mitarbeitende ausgesucht, Dienstpläne geschrieben, Räume eingerichtet, die gesamte Versorgungslogistik aufgebaut. Fünfzig weitere Schlafplätze sind geschaffen, weitere für Frauen beim SkF. Alle werden um einen Tagesaufenthalt ergänzt. Es wird ein Shuttelbus bereitgestellt, um das etwas weiter entfernt liegende Winterhilfequartier in Merheim besser erreichbar zu machen.
Auch in den unterschiedlichen Wohneinrichtungen und Notunterbringungen führen enge Betreuung, gute Aufklärung und große Disziplin der Bewohnerinnen und Bewohner dazu, dass es in den Häusern und Wohngruppen nur selten zu Infektionen kommt. Obwohl die Mitarbeitenden immer persönlich zur Verfügung stehen, sind keine Infektionen am Arbeitsplatz bekannt.
Gute Annahme des Impfangebotes mittels Johnson & Johnson
Doch die Zeit bleibt nicht stehen. Im Frühjahr ist eine Isolierabteilung, später noch eine Quarantäneeinheit einzurichten. Es geht immer weiter, immer da wo der Bedarf am größten ist. Denn auch die Test- und Impflogistik muss organisiert und durchdacht werden. Besonders erfreulich ist, dass es in einer breit angelegten gemeinsamen Aktion der Stadt Köln mit den verschiedenen Trägern der Wohnungslosenhilfe im späten Frühjahr/Frühsommer 2021 gelingt, einen Großteil der weiterhin in Behelfsunterkünften oder Obdachlosigkeit lebenden Menschen in Köln für die Covid-19-Impfung mittels des Einmalimpfstoffes von Johnson & Johnson zu gewinnen. So lassen sich 430 Menschen, die auf der Straße leben, in mobilen Angeboten impfen, auch in den Wohneinrichtungen und Angeboten der Notunterbringung ist die Impfbereitschaft überdurchschnittlich hoch. Sicherlich ist die hohe Impfbereitschaft auch das Ergebnis sehr aufwändiger und guter Aufklärung und Beratung in den Hilfeeinrichtungen. Das positive Ergebnis rechtfertigt in jeglicher Hinsicht die gewaltigen Anstrengungen von allen Beteiligten an dieser Aktion. Denn gerade die Menschen, die im öffentlichen Raum ohne eigene Rückzugsmöglichkeiten leben, benötigen in noch höherem Maße als ohnehin alle Bürger*innen in der aktuellen Pandemie den durch Impfung erzielten
Schutz vor einer schweren Covid-19-Erkrankung. Die Dankbarkeit der Besucherinnen und Besucher ist wie schon in den Frühjahrsmonaten unendlich
groß. Es gibt kaum Gemecker, Sicherheitsabstände und andere Schutzmaßnahmen werden überwiegend vorbildlich eingehalten, alle sind – auch dank der guten Hilfen – bestens informiert und wissen, was zu tun und zu lassen ist, um gesund zu bleiben.
Viel gelernt und viel zu tun
Die Akteure haben in diesen Monaten eine Menge gelernt. Über Menschen, auf die man sich verlassen kann, darüber, was eine gute und unkomplizierte Zusammenarbeit von Ämtern und freien Trägern bewirken kann, über Sanitärmobile, Wasser- und Stromanschlüsse im öffentlichen Raum, wie
man von einem auf den anderen Tag große Mengen warmer Mahlzeiten, Feldbetten, Matratzen und Decken organisiert, wie man Mundschutzmasken selbst herstellt, wie man Studierende und Ehrenamtliche für die Mitarbeit begeistert und vieles mehr.
Doch eine Lehre ist die Wichtigste: Wenn im Harz-IV-Deutschland die zusätzlichen freiwilligen Hilfen wegfallen, dann sieht es für die Empfängerinnen und Empfänger von staatlichen Hilfen düster aus. Darüber wird zu reden sein – sobald die Pandemie dazu ein wenig Zeit lässt! Denn auch wir bemerken
eine verstärkte Anzahl an Hilfesuchenden Menschen in unseren Anlaufstellen, die im Kölner Stadtbild immer präsenter wird.
Photo by Nick Fewings on Unsplash